Lebensübergänge

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Bekannte Koordinaten geben ihm Sicherheit. Veränderungen dagegen machen Angst. Das kann ganz banal sein: Als ich vor ein paar Jahren in eine Wohnung ein paar Straßen weiter gezogen bin, habe ich tief im Bauch eine diffuse Angst verspürt, dass dieser Umzug die ganze Architektur meines Lebens ins Wanken bringen könnte. Ich habe natürlich darüber geschmunzelt und bin trotzdem umgezogen, aber ich habe verstanden, dass wir Menschen Vertrautes brauchen, um uns sicher zu fühlen.

Das spüren wir ganz besonders, wenn sich Entscheidendes in unserem Alltag ändert. Von solchen Lebensübergängen ist unser ganzes Leben durchzogen: Wir kommen in den Kindergarten und in die Schule, machen einen Abschluss, ziehen bei den Eltern aus, beginnen eine Ausbildung oder ein Studium, finden einen Arbeitsplatz, gehen ins Ausland oder heiraten, werden vielleicht Eltern, die Kinder ziehen irgendwann aus oder wir gehen in Rente. Viele dieser Übergänge ersehnen wir und freuen uns darauf. Aber sie machen uns auch immer mehr oder weniger Angst: Werde ich den neuen Herausforderungen gewachsen sein? Komme ich ohne die bekannten Umstände zurecht? Werde ich mein Leben neu gestalten können? Wird es das Leben auch weiterhin gut mit mir meinen? Bin ich noch wertvoll?

Es ist also nicht immer einfach, diese Lebensübergänge zu meistern. Wir müssen uns manchmal regelrecht neu erfinden. Und wir müssen Abschied nehmen und uns der Vergänglichkeit stellen: Denn die abgeschlossene Lebensphase wird nicht wiederkehren. Das alles kann eine Krise auslösen. Dann gilt es, auf Suche nach unseren Ressourcen zu gehen, daran anzuknüpfen, wie wir frühere Lebensübergänge gemeistert haben, und zu überlegen, was uns dabei geholfen hat. Dieser kreative Prozess hält uns lebendig und beweglich. Und er schärft das Bewusstsein dafür, wer wir eigentlich sind.

Der letzte Lebensübergang ist der Tod. Zum Beispiel wenn wir eine tödliche Krankheit haben. Wir haben dann die Wahl, den Tod bis zum Schluss zu leugnen oder diesen Weg kraftvoll und bewusst zu durchleben. Das heißt: Abschied nehmen, Rückschau halten, Unerledigtes aufspüren und Ende zu bringen und vielleicht auch eine neue Bewußtheit für das Leben erlangen. Viele Menschen erfahren beim Zugehen auf den Tod noch einmal neu, was Leben eigentlich bedeutet, und können - wenn auch für kurze Zeit - noch einmal neu und anders leben. Das kann ein letztes Geschenk des Lebens sein.

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