Berufsethos

Psychotherapeut zu sein, ist einer der sch√∂nsten Berufe, die ich mir vorstellen kann. Es entspricht zutiefst dem Menschsein, dass wir einander helfen und einander unterst√ľtzen. Jedem Menschen verschafft es eine tiefe Befriedigung, wenn es ihm gl√ľckt, einem anderen etwas Gutes zu tun. Es st√§rkt den Zusammenhalt unter uns Menschen und gibt dem einzelnen das Gef√ľhl, f√ľr einen Moment dem gro√üen Ganzen unserer Menschengemeinschaft zum Gelingen verholfen zu haben.

Ein Psychotherapeut darf sich aber nicht nur am Gelingen freuen, sondern er steht seinen Klienten gegen√ľber in einer ganz besonderen Verantwortung. Denn wenn ein Mensch beim anderen Hilfe sucht, entsteht fast immer ein Machtgef√§lle. Schlie√ülich schreibt der Hilfesuchende der Helferin die Macht zu, ihm zu helfen, und erhofft sich das auch von ihr. F√ľr eine Psychotherapie gilt das ganz besonders: Zum einen √∂ffnen wir uns kaum jemandem gegen√ľber so tief wie einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten und wir machen uns damit auch in besonderem Ma√üe verletzlich. Zum anderen bekommen wir in der Therapie oftmals Kontakt zu unseren kindlichen Verletzungen und W√ľnschen und rutschen gewisserma√üen wieder in unser kindliches Ich zur√ľck. Diese Zeitreise ist eine gro√üe Chance f√ľr positivere Erfahrungen als die, die wir an den schmerzhaften Punkten vielleicht mit unseren Eltern gemacht haben. Daf√ľr brauchen wir aber auch den entsprechenden m√ľtterlichen oder v√§terlichen Schutz vom Therapeuten und das Vertrauen, dass wir nicht an derselben Stelle wieder verletzt werden. Und zu guter Letzt besitzt die Therapeutin auch noch einen fachlichen Wissensvorsprung. Therapeuten d√ľrfen also die ihnen √ľbertragene Macht nicht missbrauchen!

Deswegen bin ich der √úberzeugung, dass alle Therapeuten sich an folgende berufsethische Regeln halten sollten:

Sie m√ľssen bereit sein, ihren Klienten gegen√ľber zu jeder Zeit - und vor allem auf Nachfrage - zu erkl√§ren, welches Ziel sie in der Therapie verfolgen, welche Mittel sie anwenden, in welchem Rahmen sie zur Verf√ľgung stehen und nat√ľrlich auch, welche Kosten dabei f√ľr die Klienten entstehen. Sie berechnen keine Sitzungen, die der Klient fristgerecht abgesagt hat, und zwingen der Klientin auch keine starren Urlaubszeiten auf. Sie halten vereinbarte Termine nach M√∂glichkeit ein und beenden die Therapie nicht aus heiterem Himmel, sondern machen rechtzeitig vorher klar, wann und warum sie die Therapie beenden, und bereiten das Ende und die Zeit danach gemeinsam mit der Klientin vor. Dasselbe gilt, wenn sie l√§ngere Zeit in Urlaub, Elternzeit o.√§. gehen.

Sie √ľben keinen Druck auf ihre Klienten aus ‚Äď weder was die Inhalte der Therapie anlangt noch den Rahmen - und nutzen ihre st√§rkere Position auch sonst auf keine Weise aus. Sie respektieren W√ľrde, Intimsph√§re und Eigenart ihrer Klienten und ihr Recht auf Selbstbestimmung. Sie achten ihre religi√∂sen Vorstellungen, ihre kulturelle Zugeh√∂rigkeit und die damit verbundenen Werte, ihr Geschlecht, ihre sexuelle Identit√§t, ihre Hautfarbe und das Lebensalter, in dem sie gerade stehen. Sie behandeln ihre Klienten taktvoll und h√∂flich. Klient und Therapeut begegnen sich als Menschen auf Augenh√∂he.

Die Beziehung zwischen Therapeutin und Klient ist auf den Therapieraum und den vereinbarten Zeitraum begrenzt. Das hei√üt, Therapeutinnen treffen sich mit ihren Klienten nicht privat, z.B. auf einen Kaffee oder zum Essen, sie machen keine Gesch√§fte mit ihnen und sie lassen sich nicht auf sexuelle Beziehungen mit ihnen ein. All das k√∂nnte die sensible Beziehung zwischen ihnen gef√§hrden und zu einer zus√§tzlichen Abh√§ngigkeit f√ľhren, f√ľr die es dann keinen Rahmen mehr g√§be. Die Therapeutin ist sich dar√ľber klar, dass Klienten K√∂rperkontakt als √ľbergriffig empfinden k√∂nnen. Sie beschr√§nkt sich auf normale menschliche Gesten und auf fachlich begr√ľndete Interventionen, z.B. im Rahmen einer k√∂rpertherapeutischer Behandlung.

Der Therapeut manipuliert seinen Klienten nicht ‚Äď weder wenn es um Lebensentscheidungen geht, noch um politische, weltanschauliche oder religi√∂se Fragen. Er beginnt keine Therapie z.B. mit dem Lebenspartner seiner Klientin, solange sie noch bei ihm in Therapie ist.

Die Therapeutin ist sich im Klaren dar√ľber, dass sie ihre Aufgabe nur dann qualitativ gut erf√ľllen kann, wenn sie sich regelm√§√üig fortbildet und bei einem Experten zur Supervision geht.

Der Therapeut wahrt die Schweigepflicht. Das hei√üt, er spricht ohne Erlaubnis des Klienten nicht mit Dritten √ľber die ihm anvertrauten Informationen bzw. stellt sicher, dass Dritte niemals R√ľckschl√ľsse auf die Identit√§t der betreffenden Person ziehen k√∂nnten. Er gibt nicht einmal die Information weiter, dass eine bestimmte Klientin bei ihm in Therapie ist. Auch in der Supervision l√§sst es sich meist vermeiden, die Identit√§t des Klienten zu offenbaren.

Die Therapeutin ist sich bewusst, dass ihre Kompetenzen begrenzt sind, und legt das z.B. im Falle von dauerhafter √úberforderung dem Klienten gegen√ľber auch offen. Sie macht deutlich, dass ihre ge√§u√üerten Hypothesen auf subjektiver Wahrnehmung und Einsch√§tzung beruhen und erw√§hnt alternative Hypothesen.


Sollten Sie das Gef√ľhl haben, Ihr Therapeut habe sich ihnen gegen√ľber menschlich und professionell nicht richtig verhalten, sollten Sie ‚Äď soweit Ihnen das m√∂glich ist - zun√§chst das Gespr√§ch mit ihm selbst suchen. Denn auch Therapeuten sind nur Menschen und k√∂nnen Fehler machen. Wenn Sie aber auf taube Ohren sto√üen, und keine Kl√§rung der Beziehung m√∂glich ist, k√∂nnen Sie sich bei mehreren Stellen Rat und Unterst√ľtzung holen: Bei √Ąrzten ist die Bayerische Landes√§rztekammer zust√§ndig, bei Psychologischen Psychotherapeuten die PTK Bayern und bei psychotherapeutischen Heilpraktikern die Berufsverb√§nde, bei denen sie Mitglied sind. Dar√ľber hinaus bietet der Ethikverein e.V. f√ľr Ethik in der Psychotherapie kostenlose und vertrauliche Beratungen an. Ebenfalls k√∂nnen Sie sich z.B. an die ehrenamtliche Psychiatrie-Beschwerdestelle KOMPASS in M√ľnchen wenden oder an den Gesundheitsladen M√ľnchen.

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